Nach Ankündigung eines Vertragsverletzungsverfahren gegen Griechenland:
Angaben der nationalen Regierungen objektivieren - Glaubwürdigkeit des
Stabilitätspakts verbessern - Vertrauensgrundlage für Reform der
Maastrichtkriterien schaffen
Bonn/Berlin, 2. Dezember 2004 (bdu) - Die Einschätzungen der konjunkturellen
Entwicklung in den einzelnen Mitgliedstaaten der Europäischen Union sollen
in Zukunft nicht mehr durch die nationalen Regierungen erstellt werden,
sondern durch unabhängige Institutionen. Dies fordert der Präsident des
Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater BDU e.V., Rémi Redley, mit
Blick auf die erheblichen Unterschiede zwischen den nach Brüssel gemeldeten
Daten und den später tatsächlich eintretenden Werten. Es sei zwar
"nachvollziehbar", dass die nationalen Regierungen ihre Wachstumsprognosen
unrealistisch positiv bewerteten. Diese dauerhaften Fehleinschätzungen
untergrüben allerdings die notwendige Transparenz bei der nationalen
Haushaltserstellung und beschädigten zugleich die Glaubwürdigkeit des
Stabilitätspakts.
Redley begrüßt in diesem Zusammenhang ausdrücklich die Eröffnung eines
Vertragsverletzungsverfahrens der Europäischen Kommission gegen Griechenland
wegen falsch gemeldeter Wirtschaftszahlen. Er geht allerdings davon aus,
dass auch die ständigen Fehlprognosen der Defizitsünder Deutschland, Italien
und Frankreich "kein reiner Zufall" seien, sondern politisch gewollt. Zum
einen würden sie kurzfristig den Druck von nationalen
Konsolidierungsmaßnahmen nehmen, zum anderen würde damit versucht,
Reaktionen der Kommission zu vermeiden. "Anschließend werden von den
Regierungen immer wieder angeblich nicht vorhersehbare Einflüsse wie der
Ölpreis oder Steuerausfälle ins Felde geführt, obwohl diese Umstände von
vorneherein in die Konjunkturberechnungen hätten einfließen müssen",
kritisiert Redley die zunehmende Politisierung des Finanzwesens.
Notwendig sei eine konsequente Entkopplung von politischen Interessen und
finanzwissenschaftlichen Berechnungen. Redley: "Erfahrungen in meiner
zweiten Heimat, der Niederlande, zeigen, dass die Verlagerung der
Konjunkturberechnung auf unabhängige Stellen zu einer besseren Qualität der
Zahlen führen." Ähnlich zuverlässige, nicht Politik-abhängig erstellte
Berechnungen, gebe es nach Angaben von EU-Ökonomen für Belgien und
Österreich. Sinnvoll wäre daher, dass die nationalen Rechnungshöfe,
Notenbanken oder neutrale Forschungsinstitute die Zahlen berechneten.
Eine derartige Verpflichtung hält der BDU-Präsident auch vor dem Hintergrund
des Beitritts weiterer Staaten zur Europäischen Union und der Erweiterung
der Währungsunion für erforderlich. Denn dass einzelne Staaten die
Maastricht-Kriterien nicht einhalten könnten, führe ja - wie zur Zeit
ersichtlich - nicht automatisch zu einem schwachen Euro. Problematischer sei
vielmehr eine unglaubhafte Finanzpolitik der Euro-Volkswirtschaften, die zu
einem Vertrauensrückgang in die Währung führe. Daher dürfe das Beispiel
Griechenland keine Schule machen. Wenn mehr Transparenz geschaffen sei,
könne man im übrigen auch über eine moderate Liberalisierung des
Stabilitätspakts nachdenken, meint Redley, der zugleich Präsident des
europäischen Beraterverbandes FEACO mit Sitz in Brüssel ist.
Bonn/Berlin, 2. Dezember 2004
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